All cops are brothers

Es ist eine Story wie aus dem Bilderbuch: Der Regisseur Quentin Tarantino demonstriert gegen Polizeigewalt und wird plötzlich zum Hassobjekt aller Ordnungshüter. Polizeigewerkschaften des ganzen Landes — und besonders des NYPD — schimpfen über den Regisseur, wollen seinen Film boykottieren und mit überraschenden Aktionen ihrem Unmut Ausdruck verleihen.

Eigentlich geht es hierbei nicht um Tarantino und auch nicht zentral um die „Black lives Matter“-Bewegung. Die sind nur die Symptome eines Konflikts, der insbesondere die New Yorker Polizei beschäftigt: Das NYPD ist die größte Polizeibehörde der USA und ist ein zentraler Bestandteil des gesellschaftlichen Grundgefüges der Stadt. Mit jeder Phase der Stadtentwicklung ändert sich die Polizei – und mit dem Selbstverständnis der Polizei ändert sich die Stadt. Und diesmal scheint das NYPD den Kampf zu verlieren.

Dies zeigt sich sehr schön in den vielen Filmen und Krimiserien, die sich mit dem NYPD beschäftigen. Fangen wir an mit Kojak, der ab 1973 in den Straßen von Manhattan ermittelt. Der Sohn griechischer Einwanderer ist fest in New York verwurzelt — und er weiß, dass er im Prinzip immer noch Mitglied der kriminellen Klasse ist. Zwar kann er mit den Oberen der Stadt beruflich verkehren, doch er weiß sehr genau, dass er nie dazugehören wird, wenn er sich nicht verkauft.

Seine eigene Truppe hält Kojak mit den Zähnen zusammen. Die jungen Polizisten haben sich nicht so sehr für den Dienst im NYPD entschieden, als gegen eine Karriere als Verbrecher oder Gabelstaplerfahrer. Das Einkommen ist sicher, und vielleicht kann man sich sogar etwas dazu verdienen. Nicht bei Jojak zwar, aber der kann ja nicht überall sein.

Das Verbrechen auszumerzen kommt zu der Zeit nicht in Betracht. Während ringsum jährlich 2000 Menschen ermordet werden, sorgt das NYPD im Rahmen seiner Möglichkeiten für Ordnung. Und das heißt: Man arrangiert sich und kassiert diejenigen, die den Kopf zu weit rausstreckten. Was bleibt sonst übrig? Mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen wie Serpico, der das Arrangement mit dem organisierten Verbrechen aufkündigen wollte? Dafür bekam er eine Kugel verpasst und wurde von einem jungen, noch wilden Al Pacino verkörpert.

Zeitsprung in die Neunziger. Es ist die Zeit von Law und Order. Hatte Travis Bickle einst davon geträumt, dass ein Regen kommen möge um all den menschlichen Unrat von der Straße zu waschen, ging der junge Rudy Giuliani mit dem Hochdruckreiniger ans Werk. Zuerst brachte er als Staatsanwalt die Mob-Bosse hinter Gitter und schloss dann aber Bürgermeister die Pornokinos am Times Square. Die Korruption als Lebensprinzip aller städtischen Behörden wurde verpönt und die Polizei als Sachwalter des Verbrechens. Doch alte Gewohnheiten sind nicht unbedingt zu brechen.

Insbesondere Detective Lenny Briscoe symbolisiert den Wandel. Der geschiedene Ex-Alkoholiker ist zum Bürokrat des gewaltsamen Todes geworden. Er macht das Beste aus dem, was ihm gegeben wird. Mehr als ein paar Tage Ermittlungszeit bekommt er nicht pro Fall, Gerichtsmedizin und Spurensicherung liefern allenfalls vage Hinweise. Was bleibt übrig? Um Zeugenaussagen zu bekommen, verteilen die Staatsanwälte Strafnachlässe und Instant-Verurteilungen wie Gummibärchen. Lenny arbeitet in einem System, das ordentliche Polizeiarbeit schwer macht und eine Maxime hat: Irgendwer muss bestraft werden. Wenn es der richtige ist, ist es ein Bonus.

Lenny versucht sich abzukapseln, seinen Job zu tun – aber es ist so verdammt schwer. Als er zusehen muss, wie ein Mörder hingerichtet wird, hat er einen Rückfall und eine Kollegin stirbt in der Folge. Als seine Tochter von einem Drogendealer umgebracht wird, zerbricht er fast. Aber er macht weiter. Und weiter. Und die Kriminalitätsrate sinkt.

Zeitsprung: heute. Mit „Blue Bloods“ hat Tom Selleck seine neue Heimat gefunden. Immer souverän, immer auf der rechten und somit immer auf der richtigen Seite. Während die Kriminalität immer weiter sinkt und Polizisten sich auch endlich um den Volkssport Jay-Walking kümmern können, ist das NYPD nicht mehr der Retter vor der Anarchie. Trotzdem muss das Department wachsen, wachsen, wachsen. Tom Selleck erklärt auch gerne, warum das so sein muss: Polizisten sind bessere Menschen. Mit Familienwerten.

Während die erste Staffel noch mit den düsteren Kapiteln der Geschichte des NYPD abschloss, ist die Serie zu eine PR-Abteilung des NYPD geworden. Eine Schlägerei zwischen Feuerwehr und Polizei macht Schlagzeilen? Blue Bloods bringt eine Geschichte auf den Schirm, wo die Polizisten recht haben. Banksy ist in der Stadt? Der Polizeichef lässt einen feigen britischen Komiker verhaften, der Bombenattrappen in der Stadt verteilt. Die Polizei tötet Geisteskranke? Das Gesundheitssystem ist schuld, während Sohn des Polizeichefs in der Freizeit Therapieplätze findet. Kritiker braucht die Polizei nicht — denn alles wichtige wird am abendlichen Esstisch besprochen.

Während sich die Realität vom heroischen Bild des Polizisten abwendet, wissen die Mitglieder des NYPD ganz genau: Das kann nicht gut gehen. Die Parole heißt: Steht zusammen. All cops are brothers. Denn die Politiker korrupt wie ehedem und den andern Menschen ist alles zuzutrauen. Wer das nicht sehen kann, dem muss man es halt etwas lauter sagen.

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