Der Mini-Trump

Man nehme die Gier von Gordon Gecko,  die Subtilität und Selbstironie von Donald Trump und den Sexappel von Jonah Hill.  Wenn man das Ganze noch ein paar Jahre in der Wall Street marinieren lässt,  kommt so etwas heraus wie Martin Shkreli. Bis vor kurzem kannten den 32jährigen Unternehmer Hedgefondsmensch nur sehr aufmerksame Forbes-Leser, die sich für die Nummer 23 der 30 Aufsteiger des Jahres 2012 interessierten.

Seit ein paar Monaten ist Shkreli weltweit den Freunden der gepflegten Verachtung bekannt,  weil er den Preis eines für AIDS-Patienten wichtigen Medikaments von 13,50 auf 750 Dollar hochgesetzt hat,  weil er das einzige Exemplars den neuen Wu-Tan-Cla-Albums gekauft und nicht gehört hat und weil er sich in stundenlangen YouTube Streams eine Fan-Gefolgschaft erbettelte, über die die wirklich erfolgreichen Menschen nur ihre Nasen rümpfen können. Jetzt hat er es sogar geschafft in einem Beliebtheitswettbewerb mit dem US-Kongress den Kürzeren zu ziehen.

Shkreli als „Mini-Trump“ zu bezeichnen, ist vielleicht etwas irreführend. Denn seine Bravado ist offenkundig nur gespielt. Noch. Obwohl Shkreli reich, gebildet und als Sohn albanischer Einwanderer weißer als weiß ist, war er bisher so ziemlich das Gegenteil des souveränen Wall-Street-Menschen, den wir von den Leinwänden kennen. Er ist kein Mister Big, der eine Carrie Bradshaw von ihren 400-Dollar-Schuhen hauen könnte, kein Harvey Specter, er sähe auf den Koksparties des „Wolf of Wall Street“ deplatziert aus.

An Stelle eines Penthouse kaufte er sich ein E-Sport-Team. Suchte sich Freunde unter Rappern. Weil er Firmen übernommen hat, statt sie nur für Hedgefonds zu zerstückeln, sieht er sich als eine Art Richard Gere am Ende von Pretty Woman – ein geläuterter Investor, der Gutes tut. Was er natürlich nicht macht. Der ungelenke ‚Pharma Bro‘ wirkt zudem so, als seien die Insignien der pekuniären Macht nur angeklebt, als gehöre er nicht wirklich in sein teures Midtown-Apartment. Seine zur Schau gestellte Arroganz ist ein Trick, eine Überlebensstrategie.

In seiner skrupellosen Gier ist Shkreli gar nicht so außergewöhnlich. Auch andere Pharma-Investoren denken minütlich an ihre Investoren und vielleicht einmal im Monat an die Patienten. Auch andere „values investors“ saugen Lebenswerke Tausender aus, um 30 Prozent Gewinn zu machen und dann wie ein Heuschreckenschwarm weiterzuziehen. Auch andere Wall-Street-Millionäre ziehen los, um sich gesellschaftliche Anerkennung außerhalb ihrer Zirkel zu kaufen.

Während Shkreli tatsächlich in den Knast kommen könnte, weil er andere Reiche betrogen hat, haben seine Kollegen Walter White finanziert. Oder sich eine ganze Klasse Pillensüchtiger herangezogen. Aber sie halten die Klappe. Zumindest, wenn sie nicht unter sich sind.

Greed is good

Es ist ein Leichtes, sich über die guys von der Wall Street zu mokieren. Aber noch heute begegnet Michael Douglas auf der Straße und auf Wohltätigkeitsveranstaltungen immer wieder Leuten, die seine eine Zeile von Wall Street zitieren: Greed is good. Und sie meinen, sie haben einen Bruder im Geiste gefunden, bis er ihnen erzählt, dass Gordon Gekko ein psychopathisches Arschloch mit einem albernen Namen war. Seit Michael Lewis über seine Zeit an der Wall Street schrieb, die er als Konglomerat von Inkompetenten und Lügnern erlebt hatte, bekommt er viele Anfragen von Elite-Studenten: Wie komme ich da rein?

Seien wir ehrlich: Was haben diese guys für eine Chance? Sie machen im Praktikum mal eben zwei Nächte durch, um den nächsten Deal vorzubereiten. Sie müssen ihre Kameraden wegbeißen, um zu überleben. Und sie sehen: Die Leute, die ihnen Aufträge erteilen, haben nicht wirklich viel mehr Ahnung wie sie. Sie sind allesamt in einem Rabbithole gelandet und machen halt das, was hier funktioniert. Muster erkennen. Zuschlagen. Visitenkarten vergleichen.

Wenn alles klappt, werden sie mit Geld überschüttet. Und von allem anderen getrennt. 14 bis 16 Stunden im Büro, dann Heim ins Luxusappartment. Privatleben? Nur auf Kosten des Schlafs. Kein Schlaf, Alkohol und Kokain — das ist die gesunde Basis guter Lebensentscheidungen. em>Stretch Hummers, High Class Call Girls, The Great Gatsby. Sie pfeifen sich die New York experience durch die Nase rein. Denn sie sind the masters of the universe. Und die Bewohner der anderen Universen sind einfach Loser.

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