Der neue Jon

Seit einigen Monaten fehlt jemand in meiner wöchentlichen Routine. Und etwas. Ich meine natürlich The Daily Show with Jon Stewart. Jon war nicht nur moralische Instanz, bestbezahlter Entertainer und Abziehvorlage für Oliver Welke. Er war auch ein Standortfaktor für New York.

Er hatte eine kleine Sketchshow eines auf Albernheit spezialisierten Kabelsenders zu einer internationalen Institution ausgebaut. Die Folge: Er konnte sich nicht nur Penthäuser in der Preislage eines Seinfeld kaufen, er schuf auch einen Arbeitsmarkt für Comedians in New York. Während früher die Alumni von Saturday Night Live baldmöglichst an die nach Kalifornien abhauten, um Filme zu drehen, holte Jon Talente nach New York und hielt sie oft hier. Ohne Jon Stewart wäre die Tonight Show sicher in Los Angeles geblieben, ohne ihn wäre der Comedy Cellar ärmer. Comedians können es sich leisten in New York zu leben und sie suchen andere, mit denen sie zusammenarbeiten können.

Jon mag meinen, er hat das Kapitel erfolgreich abgeschlossen. Doch die Story ist nicht vorbei. Er braucht einen Erben, einen Nachfolger. Sonst blutet sein Imperium wieder aus. Und wer soll der FoxNewsisierung der Medienlandschaft widersprechen? Wir brauchen einen neuen Jon.

Also — wer ist der neue Jon? Die Frage scheint eigentlich überflüssig: Er hat einen Nachfolger gewählt. Und wenn man sich Trevor Noah im Interview anhört, ist er die Idealbesetzung: Er hat als Sohn eines weißen Vaters und einer schwarzen Mutter inmitten der Apartheid einen Sinn für das Absurde und Ungerechtigkeit. Er hat im neuen Südafrika eine Comedy-Community mit aufgebaut. Und noch bevor er als Jons Nachfolger im Gespräch war, hat er die USA zwei Jahre bereist, um das Land kennenzulernen.

Fliehender Wechsel

Alleine: In der Show sieht man das — noch — nicht. Trotz monatelanger Vorbereitung konnte Trevor nicht den Exodus der Talente aufhalten – und seine Neuentdeckungen sind noch nicht soweit. So wird seine Show immer noch von Jordan Clepper und Jessica Williams getragen, während Ronny Chieng und Roy Wood noch keine bleibenden Spuren hinterlassen haben. Trevor selbst muss kämpfen. Derzeit wirkt er als ob er die Gags von Jon aufträgt, die eigentlich nichts mit ihm zu tun haben. Allenfalls ein Stück blieb im Gedächtnis: Sein Vergleich von Donald Trump mit afrikanischen Diktatoren. Trevor hat sicher Potenzial, aber heute ist er einfach noch kein Jon.

Wäre Jon vor fünf Jahren zurückgetreten, wäre sein Nachfolger sicher einer gewesen: Stephen Colbert. Er war von der ersten Minute an Jons Seite, als der die Show 1998 von Craig Kilborn übernahm. Mit dem Colbert Report hatte Stephen die nötige Erfahrung gesammelt einen writers room und die Produktion zu führen. Er hat bewiesen, dass er dem Act von Jon Stewart neue Aspekte hinzufügen kann, indem er seinen eigenen Super PAC gründet, bei der Präsidentschaftswahl antritt oder die Truppen im Irak unterhält. Doch nun hat er die Nachfolge von David Letterman übernommen, dessen Werk ich nie ganz verstanden habe. Aber es zeigt sich: Der geniale Colbert braucht auch hier ein paar Jahre, um den neuen Platz auszufüllen.

Der Trump-Faktor

Während Trevor mit einem Ausbluten von Talenten kämpfen muss, hat Stephen das gegenteilige Problem. Das Timing wollte es, dass ihm gleich ein ganzes Rudel Präsidentschaftskandidaten ins Studio gespült wurde. Colberts Interviews waren oft ein Highlight, aber das hat ihn offenbar überfordert. So wurde er sogar von Donald Trump an der Nase herumgeführt. Jeden Tag so viel originäres Material zu erschaffen, ist ein Höllenjob. Während er bei Comedy Central noch wütend an den Gittern des TV-Formates rütteln konnte, ist er nun ausgelastet, den neuen goldenen Käfig auszufüllen. Bonus: Er hat nun das Budget haufenweise Talente zu fördern. Der Malus: Er macht nun Network TV. Und damit scheidet er leider als legitimer Erbe Jons aus. Bis auf weiteres.

Die zwei natürlichen Favoriten fallen aus. Also ist es angebracht, mal etwas über den Tellerrand hinausschauen. Wie wäre es zum Beispiel mit Jimmy Fallon? Nein, das war nur ein Spaß. Fallon hat seinen Gig aus Saturday Night Live nur verlängert. Musikparodien, alberne Gags, Prominente, Prominente, Prominente. Network TV zu machen ist für ihn kein Ausrutscher, es ist seine Berufung.

Gleichzeitig hat mich aber Fallons Ex-Kollege bei SNL und Nachfolger bei der Late Show Seth Meyers positiv überrascht. Seth war bei Saturday Night Live Chef-Autor und Host von Weekend Update, der harmloseren SNL-Variante der Daily Show. Zudem schafft er es seine — um es mit Marc Maron zu formulieren — jewiness zu einem Vorteil zu nutzen. In seiner NBC show schafft er es immer mal wieder besonders böse Nettigkeiten oder besonders nette Bosheiten unterzubringen, die Fallon nicht rüberbringen könnte. Insbesondere die Rubrik „A Closer Look“ beeindruckt mich immer wieder. Seth hat einfach die besseren Trump jokes. Doch reicht das? Nein. Aber schön, dass er im Rennen ist.

https://www.youtube.com/watch?v=d70OuefjY70

Ein weiterer Aspirant für die Nachfolge ist John Oliver. Jon hatte den 15 Jahre jüngeren John unter seine Fittiche genommen, ihm nicht nur sein Gespür für Witz und Verantwortung mitgegeben, er hat ihn systematisch aufgebaut. Er gab ihm Gelegenheit neben der Daily Show seine eigenen Dinge zu machen: Von der Standup Show bis zu seiner Rolle bei „Community“. Als Jon seine Auszeit nahm, um den Film Rosewater zu drehen, saß nicht das power couple Jason Jones und Samatha Bee (jetzt bei TBS unter Vertrag) am Gastgeber-Tisch, sondern der Brite mit dem wohl gepflegten komischen Akzent und den unamerikanischen Zähnen.

Der Mann mit den unamerikanischen Zähnen

Statt wieder in die zweite Reihe zurückzutreten hat John Oliver seine eigene HBO Show geschaffen, ganz in der Tradition der Daily Show und dennoch neu. Während Jon allenfalls Zeit hatte fünf Minuten am Stück über die Skandale des Tages zu sprechen, hat es sich John in Last Week Tonight zur Aufgabe gemacht, über wichtige Dinge zu reden. 30 Minuten mit Edward Snowden. 20 Minuten über sex education. 18 Minuten über Flüchtlinge. Oder unwichtige Dinge, die uns doch zeigen, wie unsere absurde Welt funktioniert. Pennies. Japan Mascots. Zwischenzeitlich übernimmt John auch den Job Colberts, indem er immer wieder zu Mitmach-Aktionen aufruft oder seine eigene Kirche gründet.

John zeigt die richtige Mischung aus Wut und Neugier, aus Albernheit und dem Willen etwas zu verändern. Zwar mag sein staff derzeit nur dem Gegenwert von zwei Amy Schumer-Produktionen betragen, hat er es doch geschafft sich als Schaltstelle zu installieren, die Themen und Leute voranbringt. Mein neuer Jon heißt daher John. Wir können noch viel von ihm erwarten.

Add a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.