Don’t drink the water

Wenn man in New York gut speist, kommt zuweilen ein Kellner an den Tisch und fragt: „Would you like some good New York water or some mineral water?“ Das tap water — zu deutsch: Kranenwasser — ist oft kostenlos. Für das Mineralwasser muss man gutes Geld bezahlen.

Und dennoch: Trinkt nicht das tap water!

Es ist nicht so, dass das Wasser aus dem Wasserhahn schlecht wäre. Im Gegenteil: es kommt mittlerweile aus riesigen Frischwasserreservoirs im Norden und ist gesundheitlich unbedenklich: Kaum Blei, keine Zyanide, dafür ein Hauch von Fluor. Manche schwören gar auf den Geschmack des New Yorker Wassers. Es mag zwar nicht unbedingt kosher sein, weil doch noch ein paar Mikroorganismen aus dem Hahn tropfen, aber die sind kein wirkliches Problem.

Und doch.

New Yorker sind besessen vom bottled water: Sparcal, Perrier, San Pellegrino, Poland Spring, Calistoga, Canadian Spring, Canadian Calm, Montclair, Vittel, Crod, Alpenwasser, Down Under, Schat, Qubol und Cold Springs — und das sind nur die Sorten, die Patrick Bateman und seine Freunde in American Psycho aufzählen. In den bodegas, corner stores und delis kann man Hunderte weiterer Sorten entdecken.

Das Misstrauen gegen öffentliches Wasser ist den New Yorkern ins Blut gegeben. Denn als die Stadt gerade anfing zu wachsen, wurde die Wasserversorgung direkt zu einem Problem. Hauptwasserquelle Anfang des 19. Jahrhunderts war ein idyllischer See mit einem sehr unidyllischem Namen. Der Collect Pond vor den Toren der jungen Stadt.

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Doch die Stadt wuchs und wuchs. Aus dem Ausflugsziel wurde erst ein Abwasserbecken und schließlich ein Slum. Ihr kennt ihn: Es war die Gegend um Five Points, der ironisch benannte Paradise Square, der für viele Einwanderer die Hölle auf Erden war. Wer sich am Wasser nicht vergiften wollte, trank besser Bier oder Schnaps. Ganze Straßenzüge marinierten in Alkohol und Armut. Und Blut.

Wie anders dagegen war das Leben in den Stadtvierteln, die sich teures Wasser besorgen konnten, und nicht auf leckende Zisternen und zweifelhafte Brunnen angewiesen waren. Bottled Water — das ist Zivilisation, die Sonnenseite des American dream. Das geht soweit, dass man Kranenwasser für zwei Dollar verkaufen kann, wenn man es nur in eine Flasche abfüllt. Aus der Angst vor Cholera wurde eine Flaschenneurose.

Deshalb: Trinkt nicht das tap water. Nicht im Restaurant.

Nur zu Hause, da dürft ihr.
https://www.youtube.com/watch?v=PAHC5yqn4GQ?start=35s

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