The other half

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind berühmt dafür, keine Klassen zu haben. Es gibt keine Adligen, und es gibt keine Untergebenen von Geburt. Jeder Tellerwäscher kann zum Millionär werden und jeder Millionär zum Tellerwäscher. Im Gefängnis.

Immer wieder, wenn es um die sozialen Unterschiede geht, taucht der Begriff „the other half“ auf, die andere Hälfte. Gemeint ist: Die andere Hälfte der Gesellschaft, der Bodensatz, der offiziell gleich ist, aber dennoch nicht dem Bild der Stadt entspricht.

Dass es eine negative Seite des „American Dream“ gab, war Ende des 19. Jahrhunderts offenbar in den bürgerlichen Kreises des aufstrebenden New York weitgehend in Vergessenheit geraten. Die Fotografie war ein ganz neues Medium — fast wie Instagram anno 2010. Und so hielt ein dänischer Einwanderer namens Jacob Riis die wirklich authentischen Bilder der Stadt als Fotos fest: Cholera, menschenunwürdige Behausungen, Kinder, die auf die Straßen entsorgt wurden.

Obdachlose Kinder, By Jacob Riis [Public domain], via Wikimedia Commons

Das Buch How the Other Half Lives gilt als Meilenstein des sozialen Erwachens New Yorks – ein Grund warum fast alle gesellschaftlichen Events in der Stadt irgendwie mit einem wohltätigen Zweck verknüpft sind. In dem Pionierband des Fotojournalismus bekamen die Bürger New Yorks einen ersten Einblick, wie die Leute lebten, die über Ellis Island nach New York gekommen waren.

Through the Looking Glass

Die Bürger wurden tätig. In einem New York, das lange Zeit sogar eine Polizeitruppe als unzulässigen staatlichen Interventionismus ansah, war der Ruf nach staatlich organisierter Sozialhilfe natürlich keine Option. Aber Stadtplanung. Erste Slums wurden abgerissen und Charity wurde zu einem neuen Leistungssport der Reichen. Und so kann heute kaum jemand ein Back-Tie-Event in New York veranstalten, ohne dass für ein soziales Anliegen Geld gesammelt wird. Jede open bar kommt zu einem Preis.

Wenn wir heute einen Blick auf „the other half“ werfen, blicken wir meist in die andere Richtung. Serien, Filme und Bücher spielen selten komplett in den Bodenmillieus der Stadt, sondern schauen immer wieder in die Welt der Reichen und Mächtigen. Die obere other half der Gesellschaft, die vielleicht ein Prozent der Bevölkerung umfasst und denen die Wolkenkratzer und Mietskasernen gehören. Über unsere Bildschirme sehen wir in die Penthäuser, die Eckbüros, die Clubs, in denen die Toiletten vorwiegend dem Kokainkonsum dienen.

Natürlich entstehen so fast nur Zerrbilder: Die Socialite-Lady, die einen Wohltätigkeitsball nach dem anderen organisiert. Die trust fund kids, deren Zügellosigkeit hinter dicken Vorhängen aus Geld und guten Manieren verborgen bleibt. Und natürlich der Ultrakapitalist. Greed is good, Gier ist gut, sagte Gordon Gecko und spielte das Abziehbild des Managers, der Moral und Menschen mit Füßen tritt. Noch heute muss Michael Douglas seinen Fans in der Wall Street erklären, dass seine Rolle kein Rollenvorbild sein sollte. Doch er hat wenig Erfolg damit. Viele Wall Street-Angestellte schöpfen ihr Selbstbild aus der Parodie. Sie sind the other half — die einzige, die zählt.

Die Realität gebiert Fiktion gebiert Realität. Es mag keine Klassen geben, the other half wird es immer geben.

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