Up!

Die New Yorker Skyline ist zweifellos eines der Weltwunder. Zwar steht sie nicht in der Weltkulturerbe-Liste der UNESCO– aber was wissen die Kulturbürokraten schon? Sie hat sich ins kulturelle Gedächtnis von Milliarden gebrannt. Es ist egal, welche Monstrositäten Donald Trump ans Ufer setzt, ob Fanatiker das World Trade Center wegbomben — die Skyline bleibt bestehen. Und sie erstaunt Neuankömmlinge seit über 100 Jahren: Haben wirklich Menschen das erschaffen?

Doch welche Menschen waren es? War es William F. Lamb, der dem Empire State Building die typische Spitze aufsetzte? Die furchtlosen Bauarbeiter auf schwindelerregenden Stahlträgern? Ja, sie waren es. Aber diese Leute bauten auf alle auf den Schultern eines anderen Visionärs, dessen Name auch heute noch in unzähligen Gebäuden rund um die Welt verewigt ist: Elisha Graves Otis, der Schöpfer des modernen Aufzugs.

Erfunden hat Otis den Aufzug freilich nicht. Eine Kiste, ein Seil, eine Führung — dazu braucht es weder Genie noch Unternehmergeist. Die Neuerung von Otis erfunden hat, war die Notfallbremse, die einen Aufzug zuverlässig bremst, selbst wenn jemand die Führrungsseile kappt. Was Otis bei einer Aufsehen erregenden Vorführung auf der Worlds Fair 1853 tatsächlich tat. (Kids, don’t do this at home.) Und so überzeugte er die New Yorker, dass es vollkommen ungefährlich ist, tagtäglich in einer kleinen Blechkiste über einem Abgrund zu baumeln. Will man in New York im Aufzug ums Leben kommen, muss man schon in den leeren Aufzugschacht springen.

Das Ergebnis: 150 Jahre später war die mächtige Saint Patrick’s Cathedral ein Winzling unter Giganten. Die Kathedrale, die zu Otis‘ Zeiten neu aufgebaut wurde, die Macht des katholischen Gottes und den Himmelsanspruch der zugewanderten Iren demonstrieren sollte, kann heute nur mit Mühe das Bürogebäude nebenan überragen und verschwindet in den Schatten von Rockefeller Center und JP Morgan & Chase. Wozu nach dem Himmel streben, wenn man dem Mammon ein stein-und-stählnernes Firmament bauen kann?

Wo ist die allmächtige Kathedrale nur geblieben? By: Son of GrouchoCC BY 2.0

Der Fahrstuhl gehört daher in New York zum Lebensgefühl und Alltag. Die Definition von Armut: Eine Wohnung im fünften Sock ohne Aufzug. Die Definition von Reichtum: Ein privater Fahrstuhl, der sich direkt in das eigene Penthaus öffnet. Ein schlechter Fahrstuhl ist ein Grund seinen an sich erträglichen Job zu hassen und Klaustrophobie ein Grund nach Wyoming auszuwandern.

Die enge Abgeschiedenheit, das Aneinander-Ausgeliefertsein im Fahrstuhlschacht, hat auch eine eigene Etikette zur Folge. Im Fahrstuhl verstummen Gespräche und werden allenfalls gedämpft weitergeführt. Höfliche Einsibigkeit siegt, man ist unkontrovers und verflucht Deoverweigerer nur still. Emotionen und Kontroverse haben im Fahrstuhl nichts verloren. Ein zivilisatorischer Waffenstillstand, der Otis’sche Friede.

So verliebt sich in „The Apartment“ ein knackiger Jack Lemon in die Fahrstuhlführerin Shirley MacLaine, wagt es aber nur außerhalb des Fahrstuhl ein offenes Wort an sie zu richten. In „Die drei Tage des Condors“ steht Robert Redford neben dem freischaffenden CIA-Killer, Todesfurcht versteckt sich hinter der Fahrstuhl-Etikette. Wer wird zuerst den Fahrstuhl verlassen und wer wird dem anderen eine Kugel in den Schädel jagen? In „North By Northwest“ wird die selbe Situation durch die Mutter des Spions wider Willen Roger Thornhill aufgelöst, die die Killer tatsächlich darauf anspricht, dass sie ihren Sohn ermorden wollen. Was zu einem kollektiven Heiterkeitsanfall führt.

tl;dr: Der Fahrstuhl hat New York verändert und er bildet selbst einen eigenen sozialen Raum. Wer ihn respektiert, hat vor ihm nichts zu fürchten. Und wer sich schwitzig joggt, kann zu Hause auch die Treppe nehmen.

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