Weiner’s device

Es gibt Leute, die die Wand zwischen Fiktionalem und der Realität niederreißen. Nein, ich meine nicht Donald Trump. Ich schreibe von dem Charakter, der von unzähligen Filmen auftauchte — lange bevor die Autoren wussten, wer er ist. Denn sein Charakter ist tief in der Stadt New York und ihrem politischen System verwurzelt.

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Wer zur Zeit auch nur flüchtig die Nachrichten verfolgt, wird den Namen Anthony Weiner öfters hören. Er ist der ehemalige New Yorker Stadtrat und Kongress-Abgeordnete, der nicht ein, nicht zwei, sondern gleich drei Mal über Sexting-Affären stolperte. Nun ist er dafür bekannt, dass auf einem seiner Geräte Clinton-Emails gefunden wurden.

Doch wer ist dieser Kerl überhaupt? Nun… Er ist der Ehemann von The Good Wife, der sie durch Sexskandal und Intrigen schleift. Er ist der Staatsanwalt von Bonfire of the Vanities, der Tom Hanks anklagt, nur weil er ein weißer, reicher Wall Street-Mensch ist. Er ist der Stadtrat, der vor laufenden Kameras die Mannen von Kojak verleumdet, weil die gegen einen politischen Freund ermitteln. Er ist aber auch Andy Garcia in Night Falls on Manhattan, der als Idealist in das System der Macht eintritt und seinen Weg darin sucht, so ehrlich und ehrbar zu sein, wie es nur möglich ist. Und er ist Paul Reiser, der es in Mad About You aus unerfindlichen Gründen geschafft hat, Helen Hunt zu heiraten.

Anthony Weiner weiß das alles. Er ist völlig damit zufrieden, dass er nicht etwa Batman ist, der die Schurken reihenweise persönlich bestraft. Weiner trifft Absprachen, Weiner lacht strategisch, Werner ist ein Wadenbeißer — weil nur Wadenbeißer können in New York die Welt verändern können. Weiner glaubt, dass er seinen Teil dazu beitragen kann. Und er glaubt, dass New York ihm schuldig ist, ihm eine Chance zu geben. Und noch eine. Und noch eine.

Obwohl Weiner nicht Batman ist, hat er doch eine Bat Cave. Tief in ihm drin. Leider ist der Schlüssel verloren gegangen, und irgendwann haben die Fledermäuse das Eingangstor mit Millionen Flügeln und spitzen Zähnen eingerissen. Und wenn sie um den Block fliegen, wird Anthony Weiner zu Carlos Danger. Dann zückt er das Telefon, dann sitzt er am Computer und tut, was er nicht tun sollte.

Was Weiner auch sehr schön demonstriert, ist das institutionell schwache Gedächtnis der New Yorker Politmaschinerie. Wer Übles tut, muss zurücktreten, wird aber nicht gänzlich abgesägt. Man wird gedemütigt, muss sich einsichtig zeigen und kann nach ein paar Jahren wieder als vollwertiges Mitglied der Clique zu Tage treten. Wieder geboren. Als sei nichts gewesen. So durfte Weiner zum Parteitag der DNC den Punching Ball für Colbert geben. Ein Dokumentarfilm über ihn wurde veröffentlicht. Er sprach im Radio mit Alex Baldwin. Er war wieder auf dem Weg nach oben. Doch die Fledermäuse waren diesmal wieder schneller.

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